Theater GegenStand Sommerprojekt 2020

Die neue Neue Zeit

Theaterperformance zum Thema  „Die Zwanziger Jahre“ in und um Marburg.

 


findet im Sommer 2021 statt


 Die 1920er Jahre faszinieren durch ihren Avantgardismus, ihre Rauschhaftigkeit und ihre Widersprüche. In den letzten Jahren lebt diese Epoche wieder auf, und bei näherem Hinsehen offenbaren sich gesellschaftliche und historische Parallelen zur heutigen Zeit, die bestenfalls fesselnd, schlimmstenfalls düstere Prophezeiung sind. Wir feiern Partys, bewirken Umbrüche. Und stehen am Abgrund.

 

 

 

Verschiedene Widersprüche und Umbrüche beherrschen die damalige Zeit. Auf das Elend der Nachkriegsjahre folgt der weltweite wirtschaftliche Aufschwung ab 1924, die „Goldenen Zwanziger“ brechen an: hedonistisch, rauschhaft und lebenshungrig stehen sie einer entgegengesetzten gesellschaftlichen Realität gegenüber, die vom Trauma des Ersten Weltkriegs, der Verarmung des Proletariats und der politischen Instabilität der Weimarer Republik gezeichnet ist. Das Gefühl, am Abgrund zu stehen, paart sich mit einem Drang nach Aufbruch und Veränderung, nach dem Erneuern alter Muster und Strukturen. Kunst, Kultur und Wissenschaft erleben eine Blütezeit: das Bauhaus, die Neue Sachlichkeit, der Expressionismus, die Entstehung von Großkinos, der Berliner Broadway mit neuem Schick und Kleinkunst, die Porträtfotografie und nicht zuletzt auch der Surrealismus mit seiner traumhaften Abstraktion prägen die Zeit.

 

Der Feminismus ist auf dem Vormarsch: die Frauen erobern sich neue Berufsfelder, erkämpfen ihre Rechte und rauchen in der Öffentlichkeit. Die „neue Frau“ ist emanzipiert, selbstbestimmt und mondän. Weibliche Räume in Form einer homosexuellen Barkultur und Lesbenzeitschriften entstehen. Weibliche Rollen- und Körperbilder werden erweitert um die Dimensionen der Androgynität, der female masculinity – der „Kesse Vater“ ist ein beispielhafter Typus dieser Zeit. Die gesellschaftliche Realität allerdings ist noch immer von tatsächlicher sozialer Ungleichheit der Frau geprägt.

 

Mit der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 endet das goldene Zeitalter. Soziale Spannungen brechen wieder auf, politische Radikalisierung und der Aufstieg des Nationalsozialismus sind die Folge. In den Jahren danach werden die avantgardistischen Entwicklungen in allen gesellschaftlichen Bereichen ausgemerzt.

 

Ein Jahrhundert später blicken wir zurück und entdecken zeitgeistliche, kulturelle und politische Parallelen, die gleichermaßen faszinierend und bedrohlich sind. Heute versetzen uns verschiedene globale Tatsachen und Ereignisse immer wieder in Endzeitstimmung – ein Adrenalinkick, beängstigend und belebend. Manche reagieren mit ausschweifendem Hedonismus. Manche mit Aufbruch und Wandel. Und manche mit der panischen Zurückwendung zu faschistischen, rassistischen und nationalistischen Ideologien, zu konservativen Werten und klaren Kategorien, die ihnen eine Orientierung verschaffen in einer Zeit, deren Realitäten immer komplexer werden und die alles in Frage stellt. In der Betrachtung der historischen Parallelen zwischen den 1920er und den 2020er Jahren offenbaren sich Missstände unserer Zeit. Politische, gesellschaftliche und globale Probleme spitzen sich zu – die Klimakrise wird apokalyptisch, der Rechtsruck ebenso. Das Handeln wird unerlässlich.

 

Wir kreieren eine Collage der 1920er Jahre in Gaststätten der 2020er Jahre in Marburg und Umgebung. Dabei tragen wir das Stück nicht nur in die Flächen, indem wir verschiedene Lokale im Landkreis bespielen, sondern auch ganz direkt zu den Menschen: Die Inszenierung wird in einer Lokalatmosphäre nicht nur auf der Bühne, sondern auch mitten im Publikum stattfinden – zwischen und an den Tischen, als „Spiel im Spiel“, das durch Elemente des Unsichtbaren Theaters nicht immer eindeutig die Unterscheidung zwischen Spielenden und Zuschauenden zulässt. Tanz und Gesang auf der Bühne sowie künstlerische und modische Elemente fangen den Zeitgeist der Zwanziger ein. Texte, Gedichte und Unterhaltungen an und zwischen den Tischen verkünden Aufbruch, Freiheit, wildes Leben und freie Liebe – und zwischen allem schwelt die unauffällig auffällige Nazipropaganda, die auch damals schon in Bierkellern und Spelunken ihre Multiplikation erfuhr. Es ist eine Ode: an die Zwanziger, an ihre Fortschrittlichkeit und ihren Freigeist. Es ist ein Trauerspiel: über den Verlust der avantgardistischen Tendenzen und der neuen Freiheit durch die Prüderie und das fatale Menschenbild des Nationalsozialismus. Es ist ein Aufruf: an unsere Zeitgenoss*innen, die Augen zu öffnen und zu begreifen, dass wir heute wieder am Abgrund der Rechtsradikalisierung stehen.

 

Regie/Projektleitung:

Karin Winkelsträter, Lara Mehler


Eintritt:

Vorverkauf: 12/14 Euro zzgl. Gebühren

Abendkasse: 15/18 Euro